telepolis, 04.03.2007
Sieben deutsche Großstädten wagen seit fünf Jahren ein drogenpolitisches
Experiment. Sie vergeben reines Heroin an Abhängige, bei denen zuvor alle
Therapieversuche gescheitert sind. Begleitet wird das Modellprojekt vom Hamburger
Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung. Dieses legte nun einen
Studienbericht mit einem positiven Fazit vor. Die Teilnehmer seien nicht nur
gesünder als andere Süchtige, die mit Methadon behandelt wurden. Sie
würden auch seltener straffällig, fänden häufiger eine Wohnung
und einen Arbeitsplatz und würden weniger illegale Drogen nebenbei konsumieren.
Das Experiment scheint geglückt, die beteiligten Städte Hamburg, Hannover,
Frankfurt, Bonn, Karlsruhe, Köln und München wollen aus dem Projekt
eine Regelversorgung werden lassen. Doch dagegen sperrt sich die Fraktion der
Union im Bundestag. Bisher dürfen Heroinabhängige nur mit Ersatzstoffen
wie Methadon versorgt werden. Der Unions-Obmann im Gesundheitsausschuss, Jens
Spahn (CDU), bezweifelt, dass die Ergebnisse so viel besser sind, „dass
sie es rechtfertigen, eine harte Droge teilweise zu legalisieren“. Die
Diskussion wird anhalten.
Zeitsprung in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In Hamburg hat sich
quasi eine offene Drogenszene etabliert, die die Gegend rund um den Hautpbahnhof
zum handeln und konsumieren nutzt. Man versucht die Abhängigen und zum
Teil stark verelendeten Junkies zu vertreiben, löst damit aber das Problem
nicht. Der Bürgermeister der Stadt, Henning Voscherau (SPD), schiebt die
ersten Drogenhilfeprojekten im Bereich der sogenannten „Akzeptierenden
Drogenarbeit“ an, die vielen der süchtigen Opiatgebrauchern durch
niedrigschwellige Hilfen neue Lebensperspektiven bieten soll. Spritzenvergabe,
auch in Gefängnissen, Gesundheitsräume, betreute Übernachtungsmöglichkeiten
und Wohnformen, Beratungscafes sowie weitreichende psychosoziale Betreuung.
Die Substitutionsbehandlung Opiatabhängiger konnte gesetzlich verankert
werden, ein Heroinvergabeversuch wurde in die Wege geleitet. Andere deutsche
Städte und Gemeinden folgten. Heute hat sich Voscherau aus der aktiven
Politik zurückgezogen, engagiert sich aber weiterhin in der Drogenpolitik.

Frage:
Mittlerweile wurden eine Reihe der damals entwickelten Hilfsmöglichkeiten
für Opiatabhängige wieder eingestellt. Bürokratisierungs- und
Hierarchisierungsprozesse haben unter den Prämissen von Qualitätskontrolle
und -sicherung eingesetzt und stellen die Niedrigschwelligkeit in Frage. Wie
beurteilen Sie die derzeitige Entwicklung was die Projekte der Akzeptierenden
Drogenarbeit betrifft?
Henning Voscherau:
Ein einschneidender Rückschritt, der die Menschenwürde vieler Betroffener
antasten wird. Aus meiner Sicht ein Grundrechtsverstoß, denn stärker
als in den letzten zehn Jahren wird diesen Menschen Hilfe verweigert, die sie
zum Überleben brauchen und die sie brauchen, um sich aus der Opiatabhängigkeit
zu befreien. Das können nicht alle, das weiß ich wohl, aber denjenigen,
die es vielleicht schaffen könnten, wird nun die Möglichkeit genommen.
Frage:
Sie haben bereits 1990 auf das Scheitern des rein repressiven Ansatzes bei der
Bekämpfung der negativen Auswirkungen des Konsums illegaler Drogen hingewiesen.
Ist bei objektiver Betrachtung heute nicht immer noch das Hauptproblem der Drogenpolitik,
dass man sich scheut, diese beängstigende Sackgasse zu verlassen, um sich
endlich einmal neuen pragmatischen und optimistischen Ansätzen zu öffnen?
Henning Voscherau:
Prohibition scheitert immer dann, wenn zum einen eine dr ängende Nachfrage
in der Bevölkerung existiert, ob nun nach Alkohol, wie in den 20er Jahren
in den USA, ob nach einer Droge wie Heroin, und wenn zum anderen die Durchbrechung
der Prohibition riesige Gewinne verspricht. Das führt immer zu einem Prozess
der Illegalisierung der Abhängigen und der Gewinnmaximierung für die
Kriminellen. Das ist der dümmste und kurzsichtigste Weg, den man einschlagen
kann. Es ist traurig, dass solche Dummheit jetzt wieder stärker fröhliche
Urständ feiert.
Frage:
Die Ergebnisse der Heroinstudie liegen vor. Sie decken sich mit den Erfahrungen
im Ausland: Der Gesundheitszustand der Betroffenen bessert sich, die Sterberate
sinkt. Gleichwohl gibt es Bedenken, das Modell zur Regelversorgung für
Abhängige zu machen. Das Argument der Gegner: “Es drohe die Enttabuisierung
von Heroin.“ Besteht tatsächlich die Gefahr, dass Heroinkonsum dadurch
bei Nichtkonsumenten an Reiz gewinnt?
Henning Voscherau:
Wenn man es richtig macht, besteht diese Gefahr nicht. Ich schlage nicht vor
und glaube nicht, dass sonst jemand Ernstzunehmender das täte, analog zur
Aufgabe der Alkoholprohibition künftig Heroin in der Kneipe oder Drogerie
frei zum Kauf zugänglich zu machen. Im Gegenteil, man muss versuchen, die
Heroinverabreichung zu medizinalisieren. Es kann nicht um Verabreichung an jedermann
gehen. Man hat einen Patienten, einen schwer Abhängigen, man hat einen
Arzt, er ist der verantwortliche Therapeut. Dieser muss das Recht haben zu verschreiben,
was medizinisch indiziert ist. Wer als Politiker dem Gesundheitsmarkt der niedergelassenen
Ärzte und Apotheker insoweit nicht vertraut, hat die Möglichkeit,
Drogenbehandlungs-Ambulanzen vorzuschreiben, in denen streng auf Zuverlässigkeit
geprüfte Therapeuten verhindern, dass diese Verabreichungsform und damit
die Droge sich quer über die Gesellschaft verteilt.
Frage:
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass nach der Besetzung Afghanistans, des
größten Opium- und Heroinproduzenten der Welt, durch westliche Truppen
und die verbündeter Opiumwarlords die Opium-Ernten de facto auch unter
Aufsicht der Bundeswehr Rekordhöhen erreicht haben, erscheint die Zaghaftigkeit
bei der Realisierung einer kontrollierten Heroinabgabe an Schwerstabhängige
und das Beharren auf der Strafverfolgung von Konsumenten illegaler Drogen hierzulande
geradezu absurd. Nach allem was wir wissen, kann man die Ergebnisse des Heroinvergabe-Modellprojektes
positiv bewerten. Warum gestaltet es sich so schwierig, schwerstabhängigen
Opiatgebrauchern einen legalen ärztlich kontrollierten Zugang zu dem für
sie bestverträglichen Opiat, im Einzelfall also auch zu pharmazeutisch
reinem Heroin, zu gewähren?
Henning Voscherau:
Man muss den Verhinderern in den Gesetzgebungsorganen zubilligen, dass sie wirklich
Ängste haben, es könne sich allgemeine Zugänglichkeit zu Heroin
entwickeln. Oder aber sie sind weltanschaulich so fixiert, dass sie es nicht
über sich bringen können, eine pragmatische und vernünftige Lösung
mitzutragen.
Frage:
So recht scheint die Domestizierung des Rausches nicht zu funktionieren...
Henning Voscherau:
Wohl wahr...
Frage:
... ist der Abstinenzansatz in der Drogenpolitik überhaupt noch zukunftsträchtig?
Henning Voscherau:
Für die Gesundheit von Menschen, für die Kosten des Gesundheitssystems
und für die Gesellschaft insgesamt wäre es zweifelsfrei besser, wenn
Menschen möglichst abstinent leben. Das gilt für Alkohol und Nikotin
ebenso wie für illegale Drogen. Das ist zwar nicht die Realität, aber
auch wenn das Ziel der abstinenten Gesellschaft niemals erreichbar sein wird
- nebenbei bemerkt: durchsetzen von oben kann man es sowieso nicht – so
ist es doch richtig zu sagen: So wäre es am besten, ein Ideal. Die praktische
Vernunft in der Politik gebietet es aber, sich nicht auf ideale Ziele zu beschränken,
sondern Wege zu gehen, die sich an Realitäten orientieren.
Frage:
Könnte es sinnvoller sein statt Abstinenz eine Drogenmündigkeit zu
fordern, die weniger auf Enhaltsamkeit als auf den früh erlernten Umgang
mit Suchtmitteln setzt?
Henning Voscherau:
Mündigkeit ist für einige Suchtstoffe eine Illusion, sagen mir die
Naturwissenschaftler. Ich glaube nicht, dass man jemanden zum mündigen
Umgang mit gelegentlichem Heroinkonsum erziehen kann. Insofern bin ich kein
Anhänger einer gesellschaftlichen Salondiskussion über das Recht auf
Rausch oder Drogenmündigkeit. Das mag individuell und in der Privatsphäre
eine Fragestellung sein, zu der jeder einzelne Mensch das Recht hat, zur Direktive
einer Drogenpolitik würde ich das nicht machen wollen. Ein kollektives
Recht auf Mündigkeit im Umgang mit Heroin existiert nicht und indviduell
sollte es das Recht auch weiterhin nicht geben, weil das Risiko unkalkulierbar
ist.
Frage:
Was immer gerne vergessen wird, Millionen von Menschen konsumieren gelegentlich
illegale Drogen, ohne damit schwerwiegende Probleme zu haben. Verbote halten
sie nicht ab, sondern erhöhen Reiz und Risiko und verhindern eine sachliche
entemotionalisierte Auseinandersetzung, die meines Erachtens für eigenverantwortliches
Handeln notwendig wäre. Warum scheut man sich, diese Realität zur
Kenntnis zu nehmen und hier offiziell gefördert risikominimierende Umgangsformen
zu entwickeln?
Henning Voscherau:
Natürlich gibt es den individualistischen Ansatz, der sagt: Das Grundgesetz
gewährt mir ein Selbstbestimmungsrecht, solange ich mit meinem Konsum Andere
nicht in ihren Rechten beeinträchtige, muss ich selbst entscheiden dürfen,
was mir gefällt. Ein weites Feld. Es ist schwer, Jemandem Vorschriften
zu machen, wie er sein Leben führen soll. Gleichwohl muss man einräumen,
dass die unterschiedlichen Suchtmittel individuell und gesamtgesellschaftlich
ein unterschiedlich ausgeprägtes Gefahrenpotential tragen. Das will ich
nicht als Jurist beurteilen, das sollen Mediziner und Biochemiker tun. In dem
Moment, in dem jemand nicht mehr aus freiem Willen aus seinem Konsum aussteigen
kann, wird eine Grenze überschritten und wird es gefährlich. Er oder
sie ist dann Opfer dieser Drogen. Umso mehr muss dann medizinische Hilfe einsetzen
und nicht, wie wir jetzt beim Heroinvergabeprojekt befürchten müssen,
generell verweigert werden.
Frage:
Auch Sie benutzen den Terminus von Opfern und T ätern. Wenn Sie von Opfern
sprechen, dann meinen sie, so verstehe ich Sie, Suchtkranke, wenn sie von Tätern
sprechen, dann vermute ich, dass Sie damit Drogenhändler meinen, die vom
Handel mit der verbotenen Ware profitieren.
Henning Voscherau:
Nicht nur. Täter sind zum einen die Menschen in der Produktions- und Vertriebskette,
zum anderen macht die Illegalität aus Abhängigen Täter, weil
sie sich zur Finanzierung ihrer Sucht als Dealer betätigen. Auch dies würde
durch die Medizinalisierung gelöst.
Frage:
Handeln nicht auch die Opfer eigenverantwortlich, so dass man sich in Phasen,
in denen sie nicht willens sind, ihren Lebensentwurf zu ändern, mit ihren
Konsumgewohnheiten einfach arrangieren muss?Henning Voscherau:
Ein in die Abhängigkeit abgerutschter Mensch, der nicht aus freiem Willen
aussteigen kann, handelt eben nicht eigenverantwortlich. Der Beginn mag Neugier
oder Vernügungssucht sein, hat der Suchtmechanismus aber erst eingesetzt,
überschreitet der User die Opferschwelle.
Frage:
Und muss man den sogenannten Tätern nicht zubilligen, dass sie letztlich
auch nur unternehmerischen Prinzipien folgen und nur Produkte hoher Nachfrage
und auf Grund der Kriminalisierung mit entsprechenden Profitmargen verkaufen?
Henning Voscherau:
Das ist eine treffende Beschreibung der Realität, zubilligen kann ich den
Personen das aber nicht. Sonst müsste man dies den osteuropäischen
Zuhältern und ihrem Handel mit Frauen auch zubilligen.
Frage:
Ein Problem, das in der Öffentlichkeit kaum thematisiert wird, allenfalls
wenn mal wieder Prominente dabei ertappt werden, ist der Kokainkonsum. Auch
hier gibt es ein breites Spektrum an Konsumenten. Eine Minderheit hat erhebliche
Probleme damit, insbesondere mit dem Rauchen und dem Injizieren von Kokainprodukten.
Diese Konsumenten zählen zu den Elendsten der Strassenszene. Eine spezielle
Kokain-Substitutionsbehandlung ist derzeit nicht möglich. Wie soll die
Gesellschaft Ihres Erachtens mit diesen Konsumenten umgehen?
Henning Voscherau:
Als ich mich vor vielen Jahren mit Experten der New Yorker Drogenszene dar über
unterhielt, hatten die auch kein Rezept. Ein Problem ist, dass Kokainderivate
eine extreme Neigung zu Gewalt bewirken können. Ein weiteres ist die fehlende
Möglichkeit der Substitution. Es gibt zurzeit kein Patentrezept, jedenfalls
ist mir keines bekannt, auch ein akzeptierender Ansatz ist hier schwer vorstellbar.
Frage:
Was hat sie dazu gebracht, sich mit einer politischen Karriere nicht sehr zuträglichen
Themen wie Heroinvergabe und Drogenpolitik wiederholt zu beschäftigen?
Henning Voscherau:
Ich habe in den letzten 17 Jahren keine pers önlichen Nackenschläge
oder unsachliche persönliche Angriffe erlebt, nur weil ich eine Außenseiterposition
in der Drogenpolitik eingenommen habe. Auch Widersacher - unter teilweise katholischem
Einfluss - aus dem südlichen und südwestlichen Deutschland gewährten
mir stets Respekt für meine Überzeugung und Argumente. Zwei Faktoren
führten damals zu meinem Engagement: Zu Beginn der 90er Jahre nahm die
Zahl der Heroinsüchtigen zu, in Hamburg sprachen manche Quellen von 10.000
Abhängigen. Es bildeten sich halboffene Drogenszenen. Ich bekam einen Brief
von einem Schweizer, der die Zustände am Hamburger Hauptbahnhof beklagte,
kurzum: das Thema war einfach virulent. Der zweite Punkt war, dass mit mir befreundete
Menschen ihren Adoptivsohn an Heroin verloren hatten. Sie berichteten mir von
den familiären Folgen. Beides hat mich veranlasst, vorurteilsfrei über
die Drogenpolitik nachzudenken. Ich bin dann relativ schnell zu der Überzeugung
gelangt, dass ein Angebots- und Betreuungssystem unter genau definierten gesetzlichen
Rahmenbedinungen helfen könnte. Der Vater dieses Kindes ist interessanterweise
bis heute nicht dieser Meinung.
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