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hanfblatt, 2003
Zwei Schritte vor, einer zurück
Interview mit Dr. med. Franjo Grotenhermen
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Dr. med. Franjo Grotenhermen ist Mitarbeiter des nova-Instituts für ökologische
Innovation in Hürth (Rheinland) und Vorsitzender der Internationalen Arbeitsgemeinschaft
Cannabis als Medizin (IACM) mit Sitz in Köln. Er führt zudem die Geschäftsführung
der deutschen Sektion, der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM). Grotenhermen
ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, darunter den Standardwerken
"Cannabis und Cannabinoide: Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial"
(Huber-Verlag) und "Cannabis, Straßenverkehr und Arbeitswelt (Springer-Verlag).

Hanfblatt: Jahrtausendelang wurde Hanf weltweit in traditionellen Kontexten medizinisch
genutzt. Im 19. Jahrhundert wurde schließlich auch in Europa mit alkoholischen
Extrakten aus getrockneten Hanfblüten experimentiert, wurden zahlreiche Indikationen
postuliert und überprüft. Doch es gelang nicht, einen eindeutigen Wirkstoff
zu isolieren und zuverlässig wirksame standardisierte Extrakte zu entwickeln.
Auch empfand man die psychoaktive Wirkung bei vielen Anwendungen als störend.
Man konzentrierte sich von Seiten der Pharmaindustrie auf andere Pharmazeutika,
bevorzugt synthetische oder teilsynthetische Reinsubstanzen. Cannabis indica galt
schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als medizinisch obsolet. Die
weltweite Verteufelung des Konsums von Hanf als psychoaktives Genussmittel durch
die in den Zwanziger Jahren beginnende Prohibitionspolitik und die ab den Dreissiger
Jahren ausgehend von den USA inszenierte Anti-Marihuana-Hysterie schien der Erforschung
medizinischer Nutzungsmöglichkeiten den Gnadenstoß zu versetzen. Wann
genau begann nun das Interesse hieran wieder aufzuflammen, und wie erklärt
sich dieses Phänomen?
Grotenhermen: Die fehlende Standardisierung medizinischer Cannabiszubereitungen
war tatsächlich einer der wesentlichen Gründe, möglicherweise
der wichtigste Grund für das Verschwinden dieser Medikamente aus den Apotheken
Europas und Nordamerikas. Erst Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts
gelang es einer israelischen Arbeitsgruppe die genaue Struktur des Delta-9-Tetrahydrocannbinol
(kurz: Delta-9-THC oder THC) zu entschlüsseln. Dies war ein wichtiger Impuls
für die moderne Cannabinoid-Forschung. Neben diesem laborchemischen Grund
für eine starke Zunahme der Forschungsvorhaben zu Beginn der siebziger
Jahre förderte die Zunahme des Cannabiskonsums unter Jugendlichen und jungen
Erwachsenen der westlichen Industriestaaten auch das wissenschaftliche Interesse
an den Wirkungen der Droge und ihrer Inhaltsstoffe auf den Menschen. Mitte der
siebziger Jahre gab es die ersten klinischen Studien mit THC, in denen man mögliche
therapeutische Wirkungen untersuchte, wie seine Wirksamkeit bei Erbrechen und
Übelkeit im Rahmen einer Krebschemotherapie, den appetitanregenden Effekt
oder die Senkung des Augeninnendrucks beim Glaukom (grüner Star).Dieser
ersten Welle der modernen Cannabisforschung folgte etwa zwanzig Jahre später
die zweite, noch größere Welle, die erneut durch eine grundlegende
Entdeckung ausgelöst worden war. Ende der achtziger Jahre und Anfang der
neunziger Jahre wurde das körpereigene Cannabinoidsystem entdeckt, das
aus spezifischen Bindungsstellen für Cannabinoide und körpereigenen
Bindungsstoffen besteht. Die spezifischen Bindungsstellen heißen Cannabinoid-Rezeptoren
und die körpereigenenen Bindungsstoffe heißen endogene Cannabinoide
oder Endocannabinoide, von denen Anandamid, 2-Arachidonylglyzerol und Noladinäther
die drei wichtigsten sind. Dieses körpereigene Cannabinoidsystem, das wurde
bald klar, spielt eine Rolle bei vielen Körperprozessen, wie etwa bei der
Verarbeitung von Sinneseindrücken, bei der Verarbeitung von Schmerzen,
bei der Regulierung des Appetits. Das Verständnis der natürlichen
Funktionen des Cannabinoidsystems beinhaltet das Verständnis der Wirkmechanismen
bei therapeutisch gewünschten Wirkungen, wie etwa der Schmerzlinderung,
und bei möglicherweise unerwünschten Wirkungen, wie etwa der Störung
des Gedächtnisses.
Hanfblatt: Welche medizinischen Indikationen haben sich in den letzen Jahren
für die Anwendung von Cannabis und Cannabinoiden als erfolgversprechend
erwiesen?
Grotenhermen: Am besten erforscht sind die therapeutischen Cannabis- bzw. THC-Wirkungen
bei Übelkeit und Erbrechen, wie sie bei der Krebschemotherapie auftreten
können, sowie bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust im Zusammenhang
mit der Aids-Erkrankung. Als am wichtigsten scheinen sich jedoch heute die Behandlung
chronischer Schmerzen unterschiedlichster Ursache und der Einsatz bei verschiedenen
neurologischen Erkrankungen, wie etwa multiple Sklerose und Querschnittserkrankungen
nach Verletzung der Wirbelsäule, herauszukristallisieren. Bei einer Umfrage
der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin in Zusammenarbeit mit dem Institut
für onkologische und immunologische Forschung in Berlin aus dem Jahre 2001
zur medizinischen Verwendung von Dronabinol (THC) und natürlichen Cannabisprodukten
(Marihuana, Cannabistinktur, Haschisch) nahmen etwa ein Viertel der teilnehmenden
Patienten diese Substanzen wegen chronischer Schmerzen, wie Migräne, Phantomschmerzen,
Menstruationsbeschwerden, Arthritis, Colitis ulzerosa, Fibromyalgie etc, ein
weiteres Viertel wegen neurologischer Symptome. Die verbleibende Hälfte
verteilte sich auf eine Vielzahl weiterer Erkrankungen wie Aids, Krebs, Hepatitis
C, Juckreiz, Asthma, Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen,
Alkoholismus, Opiatabhängigkeit, Glaukom, Epilepsie, etc. Cannabisprodukte
werden also bei vielen Krankheiten und Symptomen erfolgreich verwendet. Man
muss aber wissen, dass sie nicht immer das Mittel der ersten Wahl darstellen.
So wird man beispielsweise bei Asthma, Glaukom und vielen anderen Erkrankungen
zunächst andere Medikamente versuchen oder zunächst nicht-medikamentöse
Verfahren ausprobieren, im Falle von Schlafstörungen zum Beispiel Entspannsungsübungen.
Zudem wirken Cannabisprodukte nicht immer oder nicht immer im gewünschten
Umfang. Viele Indikationen sind kaum erforscht, so dass sich nicht sagen lässt,
wie hoch der Prozentsatz der Patienten mit einer der oben genannten Erkrankungen
ist, der von einer Behandlung profitieren würde. Ich kenne aber Patienten
aus allen oben genannten Indikationsbereichen, die von einer Behandlung mit
Cannabisprodukten profitieren.
Hanfblatt: Wo liegen gegenwärtig die Forschungsschwerpunkte?
Grotenhermen: Die Themen der Cannabinoid- und Cannabisforschung sind heute breit
gestreut. Während Mitte der achtziger Jahre in der medizinischen Datenbank
Medline jährlich etwa 250 neue Artikel mit aktuellen Forschungsergebnissen
zu den Bereichen Cannabinoide, Cannabis und Marihuana aufgeführt wurden,
waren es im vergangenen Jahr etwa 800 mit weiter steigender Tendenz. Man kann
vielleicht folgende wichtige Bereiche ausmachen: (1) Grundlagenforschung zum
besseren Verständnis der Bedeutung und Funktionsweise des menschlichen
Cannabinoidsystems, (2) Forschung zur besseren Abschätzung möglicher
schädlicher Langzeitwirkungen und anderer Wirkungen des Cannabiskonsums,
(3) Forschung zur Überprüfung der Wirksamkeit von Cannabinoiden bei
verschiedenen Erkrankungen und zur Entwicklung neuer Medikamente, die das Cannabinoidsystem
beeinflussen. Solche neuen Medikamente können wie das THC, die Cannabinoid-Rezeptoren
stimulieren, eventuell aber auch die Konzentration der Endocannabinoide beeinflussen
oder die Cannabinoid-Rezeptoren blockieren. Hier werden heute viele Ansätze
erprobt, und ich gehe davon aus, dass in den nächsten 10 Jahren eine Anzahl
von Medikamenten auf den Markt kommen wird, die auf unterschiedliche Art und
Weise das Cannabinoidsystem modulieren.
Hanfblatt: Was muss noch geschehen, damit jeder Mensch, dem Cannabis, bei der
Heilung seiner Krankheit oder bei der Linderung von Beschwerden helfen könnte,
auch problemlos Zugang zum richtigen Medikament erhalten kann?
Grotenhermen: Das Thema ist stark ideologisiert, in dem Sinne, dass Prinzipien
oft über Vernunft und gesunden Menschenverstand gesetzt werden. Eines dieser
Prinzipien, das zunächst einmal sehr vernünftig ist, lautet: In Deutschland
dürfen nur qualitätsgeprüfte Medikamente verwendet werden. Dabei
scheut man sich jedoch vor der Beantwortung der Frage, ob denn umgekehrt ein
Schwerkranker, der keinen Zugang zu einem qualitätsgeprüften Medikament
auf Cannabisbasis hat, beispielsweise weil die Krankenkasse die Finanzierung
einer Behandlung mit Dronabinol (THC) ablehnt, und der sich Hanfpflanzen auf
seinem Balkon zieht, vor ein Gericht gestellt und eventuell ins Gefängnis
gesteckt werden sollte. Möglicherweise werden erst die Gerichte der Politik
klar machen müssen, dass die Gesetzgebung in diesem Bereich überholungsbedürftig
ist. Es gibt hier erste Anzeichen. Die Erfahrungen aus anderen Ländern,
in denen die öffentliche Diskussion schon länger geführt wird
als hierzulande, wie beispielsweise in Kanada und Großbritannien, zeigen,
dass solche Entwicklungen viele Jaher dauern. Einen Zugang zur direkten medizinischen
Verwendung von Cannabisprodukten im Sinne einer tolerierten oder wie auch immer
erlaubten Selbstmedikation wird es vermutlich nur geben, wenn aus politischer
oder höchstrichterlicher Sicht die Verfügbarkeit von Cannabisprodukten
aus den Apotheken nicht zu einer ausreichenden medizinischen Versorgung der
Bevölkerung führt. Dies könnte beispielsweise der Fall sein,
wenn die Krankenkassen sich auch in Zukunft in vielen Fällen weigern, die
Kosten zu erstatten und die Medikamente weiterhin im Vergleich zu illegalem
Cannabis sehr teuer sind.
Hanfblatt: Wer sollte auf keinen Fall Cannabisprodukte zu sich nehmen, weder
als Medikament, noch zu Genusszwecken? Was sind sozusagen die Kontraindikationen?
Grotenhermen: Ganz allgemein kann man sagen, dass jemand der Cannabis nicht
verträgt, es auch nicht nehmen sollte. Das ist eine einfache Regel, die
aber oft nicht befolgt wird. So werde ich gelegentlich von Cannabiskonsumenten
kontaktiert, die mir berichten, dass sie seit einiger Zeit unangenehme psychische
Erlebnisse, wie etwa Angstzustände, beim Konsum erleben, jedoch weiterhin
konsumieren möchten. Der Abschied von der Droge fällt oft auch bei
schlechter Verträglichkeit nicht leicht. Darüber hinaus gibt es einige
Personengruppen, bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass ihnen
der Konsum schaden kann. Dazu zählen Personen, die an einer schizophrenen
Psychose leiden, weil der Krankheitsverlauf ungünstig beeinflusst werden
kann. Auch bei anderen schweren psychiatrischen Störungen ist die Wahrscheinlichkeit
einer schlechten Verträglichkeit bzw. eines gesundheitlichen Schadens größer
als bei psychisch Gesunden. Eine Schwangerschaft stellt eine relative Kontraindiaktion
dar. Zwar sind die Schäden für den Embryo bzw. Fetus vermutlich auch
bei starkem Konsum im Vergleich mit anderen Drogen gering, aber man sollte den
Fetus nicht unnötig fremden Substanzen, die über den mütterlichen
Kreislauf in seinen Kreislauf gelangen, aussetzen. Wer an Schwangerschaftserbrechen
leidet oder anderen schwangerschaftsbedingten Beschwerden, die durch Cannabis
gelindert werden können, dem würde ich allerdings durchaus zuraten,
es einmal mit Hanf zu versuchen, und wenn er wirkt, ihn auch zu verwenden.
Hanfblatt: Was kann man aus medizinischer Sicht denjenigen empfehlen, die Cannabis
als Genussmittel konsumieren, um eventuelle Risiken möglichst gering zu
halten?
Grotenhermen: Beim Cannabiskonsum gibt es zwei Hauptthemen, wenn von möglichen
Schäden die Rede ist. Das eine sind mögliche Schäden durch das
Rauchen, die vermutlich weitgehend denen des Tabakrauchens ähneln, da beide
Pflanzen und auch ihr Rauch bis auf das Nikotin und die Cannabinoide weitgehend
ähnlich zusammengesetzt sind. Durch das Verbrennen von getrocknetem Pflanzenmaterial
entsteht eine Anzahl von Substanzen, die die Schleimhäute schädigen
und krebserregend wirken können, wie zum Biespiel Benzpyren oder Nitrosamine.
Die Empfehlung lautet also: Weniger rauchen. Dies kann beispielsweise durch
oralen Konsum (Kekse, Tee) oder durch das Rauchen THC-reicher Sorten erzielt
werden. Das zweite Thema bezieht sich auf mögliche psychische und soziale
Folgen des Konsums. Es besteht die Gefahr, dass mögliche positive Auswirkungen
des Cannabiskonsums auf das seelische Befinden und das soziale Leben sich in
ihr Gegenteil verkehren. Wie beim Umgang mit anderen potenziell suchtauslösenden,
schönen und Freude bereitenden Aktivitäten sollte man darauf achten,
dass man mit diesen Aktivitäten gestaltend und schöpferisch umgeht,
dass man also nicht mit der Zeit psychisch von dieser Aktivität abhängig
und sozial gelähmt wird. Man sollte als Konsument in dieser Frage selbstkritisch
sein. Dabei kann bei gewohnheitsmäßigem Konsum von Drogen auch eine
gelegentliche Konsumpause von einigen Wochen sinnvoll sein. Nach meiner Auffassung
ist die Diskussion um die Frage, ob Cannabiskonsum körperlich abhängig
machen kann oder nicht, eine wenig hilfreiche Diskussion, da auch eine psychische
Abhängigkeit sehr stark sein kann und es letztlich unwichtig ist, ob vermehrtes
Schwitzen und Schlafstörungen, die beim Absetzen auftreten können,
psychische oder körperliche Symptome darstellen. Nach meinen Erfahrungen,
die sich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis decken, treten bei Jugendlichen
und jungen Erwachsenen schädliche psychische und soziale Folgen häufiger
auf als bei Erwachsenen. Ein gewohnheitsmäßiger Konsum bei Jugendlichen
ist vergleichsweise häufiger als bei älteren Erwachsenen ein problematischer
und abhängiger Konsum.
Hanfblatt: Immer wieder wird darum gestritten, warum man nicht gleich zur medizinischen
Anwendung die als Genussmittel bereits bewährten getrockneten Hanfblüten
oder das daraus gewonnene Harz oder einen Extrakt verschreibt, anstatt sehr
teure industriell gewonnene Reinsubstanzen. Wo liegen hier kurzgesagt die Vor-
und Nachteile? Oder anders gefragt, braucht man die Hanfpflanze dann eigentlich
überhaupt noch, wenn man alle sinnvollen Präparate auf chemischem
Wege synthetisieren kann?
Grotenhermen: Synthetisches THC bietet keine relevanten Vorteile gegenüber
natürlichem Cannabis. Alles, was gegen eine Verwendung sonst illegaler
Cannabisprodukte vorgebracht wird, wie etwa fehlende Reinheit oder mangelnde
Standardisierung, sind in Wahrheit Argumente gegen ihre Illegalität, da
sie bei einem legalen Zugang gut kontrolliert werden könnten. Die Frage,
ob man Hanf noch braucht, wenn man synthetisches THC hat, stellt sich eigentlich
umgekehrt: Synthetisches THC wird eigentlich nicht gebraucht, weil es Hanf gibt.
Die Vorlieben der Ärzte und Patienten hinsichtlich definierter Einzelstoffe
und natürlicher Kombinationspräparaten variieren allerdings, so dass
ich dafür plädiere, beides anzubieten: Einzelsubstanzen und Ganzpflanzenzubereitungen.
Zudem gibt es Hinweise auf Unterschiede hinsichtlich Wirksamkeit und Verträglichkeit
bei zumindest einigen Patienten, ein Thema, das allerdings bisher nicht durch
kontrollierte Untersuchungen geklärt wurde. Vorteile gegenüber Cannabinoiden
wie THC, die psychische Effekte ausüben, weisen einige nicht-psychotrope
Cannabinoide auf, die sich heute in klinischen Studien befinden, darunter Dexanabinol
und CT-3 (ajulämische Säure). Diese synthetischen Cannabinoide decken
allerdings nur einen Teil des therapeutischen Potenzials von THC bzw. Cannabis
ab, da eine Anzahl von Wirkungen über Cannabinoidrezeptoren vermittelt
wird, die auch psychische Wirkungen hervorrufen. CT-3 wird gegen entzündlich
bedingte Schmerzen, wie beispielsweise chronische Gelenkentzündungen getestet.
Es wirkt etwa so wie Aspirin, ohne allerdings mit den Aspirin-typischen Nebenwirkungen
auf Magen und Nieren verbunden zu sein. Zum Thema THC, synthetische Cannabinoide
und pflanzliches Cannabis vertrete ich die Auffassung, dass alles verfügbar
gemacht werden sollte, wenn es mit einem echten Nutzen für die Behandlung
von Kranken verbunden ist.
Hanfblatt: Cannabisfreunde versprechen sich von der Debatte um die medizinischen
Nutzungsmöglichkeiten der Hanfpflanze nicht nur eine Versorgung teilweise
schwer Kranker mit einer gut verträglichen Medizin, sondern auch eine Entspannung
im Umgang der Gesellschaft und der Strafverfolgungsbehörden mit denjenigen,
die Hanf einfach nur als Genussmittel konsumieren. Manche gehen da sogar soweit,
sich vorzustellen, man könne dann in Ruhe sein Pfeifchen schmauchen, das
wäre dann ja Medizin, gut gegen Alles sozusagen. Wie schätzen Sie
da die gesellschaftlichen Perspektiven ein, wenn es zu einer erleichterten und
häufigeren Verschreibung von Cannabispräparaten kommen sollte?
Grotenhermen: Die Diskussion um die medizinische Verwendung von Cannabisprodukten
hat erheblich dazu beigetragen, die Diskussion um den Genuss- oder Freizeitkonsum
zu versachlichen, denn im Zusammenhang mit der therapeutischen Verwendung taucht
automatisch die Frage möglicher Nebenwirkungen und ihres Ausmaßes
auf, beispielsweise die Frage: Schadet langzeitiger Cannabiskonsum der geistigen
Leistungsfähigkeit? Zudem führt die medizinische Cannabisverwendung
dazu, dass viele Menschen – Patienten, ihre Verwandten und Ärzte – einen
legalen Kontakt mit der Droge bekommen. Meistens stellen sie dabei fest, dass
die Warnungen vor den Nebenwirkungen in den vergangenen Jahren übertrieben
waren, dass Cannabis bzw. THC sogar überwiegend sehr gut verträglich
sind. Die medizinische Verwendung von Cannabis ist in der Lage, das Image der
Pflanze auch bei solchen Personen positiv zu verändern, die bisher ein
übertrieben negatives Bild von ihr hatten. Andererseits muss man natürlich
sagen, dass Medikamente im Allgemeinen nicht gesund sind, sondern der Behandlung
von Krankheiten dienen. Aus dem gelegentlich zur Rechtfertigung für den
eigenen Konsum vorgetragenen Argument, Cannabis sei schließlich eine Medizin,
kann daher im Umkehrschluss nicht gefolgert werden, Cannabiskonsum sei gesund
für Gesunde. Die Frage, ob Cannabis auch für Gesunde positive Auswirkungen
auf Leben und Befinden haben kann, entscheidet sich an der Frage des verantwortlichen
Umgangs mit der Droge. Die Droge selbst ist dafür kein Garant.
Hanfblatt: Immer wieder lösen sich aus Medizinerkreisen die großen
Warner, die den konservativen Kräften im Staatsapparat genehm, mit dem
erhobenen Zeigefinger vor den schrecklichen Gefahren einer Verharmlosung und
Entkriminalisierung eines schrecklichen Rauschgiftes warnen, um möglichst
viele Forschungsgelder zum Beweis, dessen, was man insgeheim bereits bewiesen
glaubt, abzuzweigen und sich als Gesundheitsapostel und selbsternannte Drogenexperten
auf dem Medizinerolymp zu etablieren. Wie soll man diesen aus meiner Sicht an
einer dogmatischen auf Gängelung basierenden Gesellschaft klebenden Feinden
der freien persönlichen Lebensentfaltung gegenübertreten? Oder anders
gefragt: Wird es jemals einen rationalen Umgang mit Cannabis und Cannabinoiden
geben?
Grotenhermen: Nach meinem Eindruck haben sich die öffentliche Wahrnehmung
und das Diskussionsniveau bereits merklich im Sinne eines rationalen Umgangs
verändert. Dies ist ein Prozess, der sich wie alle Veränderungen,
die Einstellungsänderungen voraussetzen, nur langsam vollzieht. Ich erfahre
auch heute noch regelmäßig von Patienten, die ihren Arzt auf die
Verschreibung von THC (Dronabinol) angesprochen haben, dass er dies mit dem
Hinweis, er würde keine Drogensucht fördern, oder mit ähnlich
ignoranten Bemerkungen grundsätzlich ausgeschlossen hat. Aber dennoch sind
viele gesellschaftlich relevante Gruppen wie Journalisten, Mediziner, Juristen
und auch Politiker heute insgesamt besser informiert als vor 10 Jahren. Aber
es ist auch richtig, dass das Thema Cannabis auch heute noch vielen Eltern,
Politikern und anderen Personengruppen Angst macht, was rationales Handeln manchmal
erschwert. Die Ängste muss man übrigens ernst nehmen. Mit dem Thema
Konservativismus wird zusätzlich ein Aspekt angesprochen, der über
den Bereich des rationalen Umgangs mit Drogen hinausgeht. Konservativismus beinhaltet
Haltungen, die nicht nur im Drogenbereich moralisierend und normierend massive
Eingriffe in das Privatleben rechtfertigen oder als notwendig erachten, beispielsweise
auch wenn es um den so genannten Kampf gegen den Terrorismus geht. Der rationale
Umgang mit Cannabis oder anderen Drogen führt also nicht automatisch dazu,
dass gängelnde Einschränkungen der individuellen Freiheiten verschwinden
werden. In den letzten Jahren hat sich auch die Argumentation zur Rechtfertigung
des Cannabisverbotes verschoben bzw. verändert. Wurde früher vor allem
die Gefährlichkeit der Droge, auch im Vergleich zu Tabak und Alkohol, betont,
so heißt es heute oft, Tabak und Alkohol würden bereits große
gesundheitliche und soziale Schäden anrichten, die nicht durch die Legalisierung
einer weiteren Droge vergrößert werden sollten. Solche Argumentationsverschiebungen
stellen nicht nur ein Eingeständnis dar, dass die frühere Propaganda
oder Überzeugung falsch war, sondern auch dass Prohibitionsbefürworter
durchaus flexibel reagieren, beim Versuch, den gegenwärtigen Zustand zu
erhalten. Ich bin kein Hellseher und kann nicht sagen, wohin die Entwicklung
letztlich führt. Nach meinem Eindruck funktioniert die Bewegung im Cannabisbereich
seit vielen Jahren wie bei der Echternacher Springprozession: Zwei Schritte
vor, einer zurück. Da bleibt ja als positive Differenz immerhin ein Schritt
nach vorn.
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