Den großen Sprung machte das Wissen um den Rauschhanf mit der Entdeckung der Cannabinoid-Rezeptoren. Dies sind kleine Empfangsstationen in Hirn und Körper, an die zum Beispiel THC, der aktivsten Wirkstoff im Cannabis, andocken kann. Alle Substanzen, die an diese, CB-1 Rezeptor genannte Stationen andocken können, werden Cannabinoide genannt. Der 1988 entdeckte CB-1 Rezeptor kommt hauptsächlich im Hirn vor, der CB-2 Rezeptor wurde 1990 entdeckt und treibt sein Wesen im gesamten menschlichen Körper. Steven R. Childers, Professor für Physiologie und Pharmakologie an der Wake Forest Universität in Winston-Salem, ist begeistert: "Das schöne an den Entdeckungen ist, daß sie Chemiker auf der ganzen Welt dazu bringen, Derivate aller Art zu entwickeln." Die synthetisch hergestellten Cannabinoide wirken potenter und effektiver. Drei dieser Derivate gelten mittlerweile als Standard im Forschungsbetrieb. Sie hören auf die kryptischen Namen WIN 55212-2 sowie CP 55-940, die als Agonisten fungieren, und SR 141716A, der als Antagonist eingesetzt wird (siehe HANFBLATT April 98).
Goldgräberstimmung kam 1992 auf, als ein Team um Raphael Mechoulam an der Universität von Jerusalem entdeckte, daß in jedem menschlichen Körper ein körpereigenes Cannabinoid existiert. Das Team gab dem Neurotransmitter den Namen "Anandamide", nach dem Sanskrit-Wort für "Glückseligkeit". Und Jüngst entdeckte man ein anderes körpereigenes Cannabinoid (2-AG). "Sehr potent sind diese chemischen Verbindungen nicht", stellt Childers fest, "in dieser Hinsicht haben sie Ähnlichkeit mit dem THC. Und sie sind extrem instabil."
Noch eine große Überraschung wartete auf die Wissenschaftler: Entgegen den Erwartungen ist der CB-1 Rezeptor enorm häufig im Gehirn vertreten. Childers: "Niemand hat erwartet, daß der Rezeptor für Marihuana in so hoher Menge im Hirn existiert." Diese Entdeckung paßt für Childers trotzdem ins Bild der bisherigen Forschungsergebnisse. "Wir wissen durch eine Anzahl von Tierversuchen, daß Cannabinoide Auswirkungen auf das Kurzzeitgedächnis haben. Und das macht auch Sinn, denn im Hippocampus, einem Teil des Großhirns, kommen viele CB-1 Rezeptoren vor. Und der Hippocampus ist ein wichtiger Teil des Kurzzeitgedächnisses", führt der Wissenschaftler aus.
Der Schritt von den Enthüllungen der Cannabinoid-Rezeptor
Forschung zu konkreten medizinischen Anwendungen ist nicht
immer einfach. Beim Glaukom, einer gefährlichen Erhöhung des
Augeninndendrucks, hilft Marihuana nachgewiesenermaßen. Daß
sich Gras nicht als Medikament durchgesetzt hat, hat seinen
Grund nicht nur in der Illegalität der Droge und dem mangelnden
Interessen der Pharmakonzerne. 
Für Paul L. Kaufmann, dem
Direktor des Glaukom-Zentrums an der Universität von
Wisconsin in Madison, liegt dies eher an der Wirkungsdauer
von Cannabis. Marihuana reduziert den Augeninnendruck nur
für drei oder vier Stunden, muß aus diesem Grunde öfter am
Tag angewendet werden. Was vom Konsumenten eventuell als
angenehm empfunden wird, ist der Forscher Graus. Sie
wollen ein Medikament, welches ohne psychoaktive
Nebenwirkungen lange wirkt. Ein anderes Problem sieht
Kaufmann darin, daß noch weitestgehend unbekannt ist,
warum genau Cannabis den Augeninnendruck senkt. Kaufmann
gibt zu bedenken: "Die Leute sagen, daß man Marihuana
einfach legalisieren sollte. Dies ist nicht unsere Art ein
Medikament zu entwickeln. Wir wollen die Mechanismen
verstehen, die hinter den Vorgängen stecken, und dazu die
Moleküle so verändern, daß man mehr von den positiven und
weniger von den negativen Effekten hat. Dann folgen
klinische Testreihen und am Ende hat man ein
therapeutisches Produkt. So sollte auch beim Marihuana
vorgegangen werden." Gleichwohl ist auch Kaufman von den
neuen Erkenntnissen begeistert: "Wir können durch die
Rezeptor-Forschung die hydrodynamischen Eigenschaften des
Auges besser verstehen lernen."
Ein weiterer Anwendungsbereich von Cannabinoiden sind deren schmerzstillenden Eigenschaften. Howard Fields, Professor für Neurology an der Universität von Californien in San Francisco, ist sicher: "Die momentane Explosion an Wissen über Cannabinoide, und hier vor allem das künstliche Herstellen von Agonisten und Antagonisten, wird uns befähigen, neue Schmerzmittel zu entwickeln." Seine Kollegin vom Medical College in Richmond, Virginia, stimmt zu: "Unser Ziel ist es, die Dosis der Cannabinoide soweit zu senken, daß kaum noch Nebeneffekte auftreten", sagt Sandra Welch, Professorin für Pharmakologie. Wird Marihuana geraucht, nimmt der Konsument über 60 unterschiedliche Cannabinoide auf. Es ist zum Teil noch unklar, welche von diesen wie wirken, zudem muß noch erforscht werden, wie das Zusammenspiel der Cannabinoide funktioniert.
In den USA drängen mittlerweile immer mehr Forscher in das Gebiet der Cannabinoid-Forschung. Die Euphorie ist ungebremst: Angeheizt durch die gesellschaftlichen Umbrüche, die in Marihuana nicht mehr nur eine suchtbringende Droge sehen und den Fortschritten in der Rezeptor-Theorie erlebt das Wissen rund um die Cannabis-Pflanze einen enormen Aufschwung. Zunehmend werfen auch die großen Pharma-Konzerne ein Auge auf die Umtriebe, sie hoffen auf Medikamente, die die Kassen klingeln lassen. Auch namhafte Experten und Institute scheuen sich nicht mehr, Cannabis-Blüten ins Reagenzglas und unters Mikroskop zu packen. Mit der International Cannabinoid Research Society (ICRS) hat sich eine Organisation gegründet, die sich auf Cannabinoide konzentriert (http://129.49.42/ICRS/ICRS_main.html). Vor zwanzig Jahren galten Cannabinoide in erster Linie als Bestandteile einer Pflanze, mit der Mißbrauch (Rausch) betrieben wird. Heute steht dagegen die Erforschung eines der Hauptbestandteile des Neurotransmittersystems im Gehirn im Vordergrund.
Jörg Auf dem Hövel